Future Health: Die großen Trends 2021

Covid-19 hat das Gesundheitssystem verändert, aber der Umbruch reicht noch viel tiefer als die bloße Digitalisierung, als Telemedizin oder der elektronische Austausch von Patientenakten. Das gesamte Gesundheitssystem wird nach der Krise anders ticken als vorher – vom Klinikdirektor bis hinunter zum Patienten. 2020 hat Entwicklungen angestoßen, die 2021 und die Jahre danach maßgeblich prägen werden. Mit all den Unsicherheiten, die eine Vorausschau in Zeiten einer Pandemie mit sich bringt – hier sind die fünf großen Healthtech-Trends in 2021 von unserem Unit Director Health Tech Robert Thielicke, ehemaliger Chefredakteur der MIT Technology Review.

Künstliche Intelligenz erreicht die Diagnose

Schon lange gilt KI als Hoffnung für die Medizin. Kein Wunder, schließlich geht es in diesem Bereich oft um große Datenmengen, die selbst Fachleute an die Belastungsgrenze bringen – wenn es ihnen überhaupt noch gelingt, sie durchzuarbeiten. 2021 bekommen sie endlich Hilfe. Mit Vara.ai aus Berlin und Therapixel aus Frankreich machen sich gleich zwei Start-ups daran, KI für die Krankheitsdiagnose einzusetzen. Die Technologie hilft bei der Früherkennung von Brustkrebs, indem der Computer Ultraschallaufnahmen nach charakteristischen Gewebeveränderungen durchforstet. Zahlreiche Studien haben mittlerweile gezeigt, dass KIs bei Routinefällen deutlich besser abschneiden als Radiologen – sie werden nicht müde oder unkonzentriert. Nach ersten Praxistests wird die Medizin-KI kommendes Jahr auf breiter Front in Deutschland ankommen und Ärzten bei tausenden Frauen zur Hand gehen. Wir werden die ersten Praxen „powered by AI“ sehen.

Der nächste Schritt dürften weitere radiologische Bereiche sein, und dann die Pathologie. Bisher analysieren Spezialisten in Kliniken und medizinischen Laboren Gewebeproben auf Zeichen von Krankheiten. Auch das lässt sich zu einem guten Teil automatisieren. Von dort aus wird die Technologie schrittweise in viele weitere medizinische Fachgebiete vordringen.

Digital Health läutet das Ende der zentralen Datenspeicherung ein 

Bisher gilt: Daten müssen an einem zentralen Ort vorliegen, um sie sinnvoll auswerten zu können. Diesem Gedanken folgt die elektronische Patientenakte ePA, die am 1. Januar startet. Doch je größer der Datenpool und je sensibler die in ihm abgelegten Informationen sind, umso mehr steigt das Risiko für Missbrauch. Beim Thema Gesundheit wird dieses Risiko kaum einer eingehen wollen – deshalb wird die ePA auch nicht der Erfolg, den sich die Politik von ihr erhofft. 

Wir brauchen also etwas Neues. 2021 wird genau dieses Neue zum großen Thema: die verteilte Datenhaltung. Die Corona-Warn-App hat gezeigt, dass es geht: Statt an einem zentralen Ort liegen die Daten auf den Handys der Nutzer und werden nur zusammengefügt, wenn es zu einer Risikobegegnung kam. Auf dieses Prinzip setzt auch die Digitalagentur Turbine Kreuzberg und hat eine dezentrale elektronische Patientenakte entwickelt. Die Krankheitsgeschichte wird nur dann aus verschiedenen Quellen zusammengeführt, wenn der Arzt sie benötigt und auch nur, wenn der Patient zustimmt.

Auch GAIA-X, das Cloud-Projekt der EU, treibt die dezentrale Datenwolke voran, genauso wie Siemens Healthineers in Kooperation mit IBM.

Auswertungen etwa für KI-Anwendungen sind trotzdem möglich. Wie, zeigt das Berliner Start-up Apheris AI: Seine Technologie bietet die Möglichkeit, Daten etwa von einer Krankenversicherung mit denen eines Pharmakonzerns zusammenzuführen – und zwar ohne die Daten selbst austauschen zu müssen. Er erzeugt künstliche Daten, die weit genug von den echten entfernt sind – aber noch nah genug dran, um Analysen zu ermöglichen. 

Dieser Weg hat den zusätzlichen Charme, dass die Eigentümer der Daten an der Monetarisierung beteiligt sind – seien es nun Patienten, Kliniken oder Pharmaunternehmen. Vergangenen Juli hat Apheris AI sieben Millionen Euro eingesammelt und schon jetzt erste zahlende Kunden. 

Google verliert an Boden 

Der einfache Grund: mangelndes Vertrauen, vor allem in Bezug auf den Datenschutz. Stattdessen wird, wenn nichts Dramatisches passiert, 2021 das Jahr für Amazon und Apple im Gesundheitsbereich. Denn Googles erfolgreiches Geschäftsmodell “Bezahlen mit Daten” passt nicht, wenn es um Krankheiten geht. Und kaum einer traut dem Unternehmen zu – und vertraut dem Unternehmen darin –, dass es auch “Service gegen Bezahlung” kann. Folgerichtig scheiterte der Digitalkonzern immer wieder daran, große US-Anbieter so genannter Electronic Health Records für seine Google Cloud zu begeistern: Epic mit über 250 Millionen Patienten in der Datenbank entschied sich für Microsoft, Cerner mit 200 Millionen für Amazon. Beide Male gaben Datenschutzbedenken den Ausschlag. Amazon ist auch in einem weiteren großen Gesundheitsbereich auf dem Vormarsch: Mit Amazon Pharmacy steigt es in das Apotheken-Geschäft ein. Zunächst beschränkt sich der Service zwar auf die USA, aber 2021 könnte er auch im ersten europäischen Land verfügbar sein.

In guter Position ist auch Apple. Das Unternehmen hat sich in seinem Privatkundengeschäft mittlerweile einen guten Ruf als Datenschützer aufgebaut, nicht zuletzt durch die jüngste Kennzeichnung im Appstore, welche Daten die Apps sammeln. Zusammen mit seinen Endgeräten hat sich Apple also gut aufgestellt, um bei elektronischen Krankenakten, digitalen Gesundheitsanwendungen und künftig im Diagnose-Bereich mit Wearables eine wichtige Rolle zu spielen.

Diagnose ohne Arztpraxis 

Covid-19 hat Millionen Menschen zu Gesundheitsexperten gemacht – und sie werden es auch nach der Pandemie bleiben. Damit ist ein gewaltiger Trend hin zu Gesundheitsvorsorge im Privaten entstanden. Der Markt für einfache Tests auf Infektionen etwa wird wachsen, gerade hat die US-Arzneimittelbehörde FDA den ersten Covid-19-Test für den Privatgebrauch zugelassen. Ähnliches will bald auch das österreichische Startup Bloom Diagnostics erreichen. Sein Antikörper-Test für zu Hause soll verraten, ob man bereits eine Infektion durchgemacht hat. Die Entwicklung wird nicht auf das Corona-Virus beschränkt bleiben. Dem Start-up zufolge ist ein Messverfahren für den Eisenspiegel im Blut fast fertig, und auch die Überprüfung von Nieren- oder Schilddrüsenwerten sei denkbar.

Auch in anderen Bereichen dringt die Arztpraxis ins Wohnzimmer vor: Die neuen Modelle der Apple Watch etwa erlauben die Erkennung von Herzrhythmus-Störungen. Per Lichtreflexion können sie leichte Veränderungen im Blutfluss erkennen und so Vorhofflimmern frühzeitig entdecken – ein wichtiger Hinweis auf einen drohenden Schlaganfall. Die Apple Heart Study von Apple und der Uni Stanford hat bereits gezeigt, dass bei 84 Prozent der Warnmeldungen tatsächlich ein Vorhofflimmern die Ursache ist. Derzeit läuft die Heartline-Studie des Pharmakonzerns Johnson&Johnson, um den Nutzen für Risikogruppen zu ermitteln. 

Ein zweites Beispiel ist die sensorbestückte ScanWatch des Herstellers Withings misst regelmäßig die Sauerstoffsättigung im Blut und die Herzfunktion über EKG. Die LMU München testet sie derzeit an Risikopatientinnen für Herz-Kreislauf-Leiden, um in Zeiten von Corona Krankenhausbetten freizuhalten. Auch über Corona hinaus dürften sich auf diese Weise künftig Klinikaufenthalte reduzieren lassen.

Das deutsche Start-up Wellabe bietet Unternehmen mobile Medizinlabore an, in denen Mitarbeiter sich gesundheitlich durchchecken lassen können. Irgendwann werden sie auch in Apotheken oder vielleicht sogar in Drogeriemärkten stehen, ähnlich wie heute schon die Minute Clinics in den USA.

Die Ära wirklicher Früherkennung

Eine rechtzeitige Therapie ist immer noch die beste Chance, den Krebs zu überleben. Seit Jahren forschen Unternehmen daher an einfachen Bluttests, die ganz früh Tumore im Körper aufspüren können. Die Methode dahinter heißt Liquid Biopy und es wäre schlichtweg genial, wenn sie funktioniert. Denn die Tests erkennen Erbmaterial, das Krebszellen freisetzt, und sobald die charakteristischen Genveränderungen bekannt sind, ließe sie sich auf unterschiedlichste Tumore anwenden. 

2021 steht ein Meilenstein für die Technologie an: Grail, vom Genanalyse-Anbieter Illumina für acht Milliarden Dollar gekauft, hat eine Partnerschaft mit dem NHS angekündigt. Die britische Behörde, auf der Insel für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zuständig, wird 165.000 Patienten ab kommendem Jahr eine entsprechende Untersuchung anbieten. Der so genannte Galleri-Bluttest soll bis zu 50 Krebsarten in frühen Stadien entdecken. Zahlreiche weitere Unternehmen stehen ebenfalls in den Startlöchern. Die Technologie dürfte weltweit die Überlebenschancen bei Krebs dramatisch verbessern.

Robert Thielicke ist Unit Director Healthtech bei PIABO. Dabei blickt er auf fast 20 Jahre redaktionelle Erfahrung im Technologiejournalismus zurück. Zuletzt war er als Chefredakteur der deutschen Ausgabe des renommierten Innovationsmagazins MIT Technology Review tätig. Bei Fragen oder Anmerkungen melde dich gern bei Robert.