Wie viel Regenbogen kauft man einem Unternehmen ab?

Im Gespräch mit Marc-Pierre Hoeft, ehemaligem Vorstandsmitglied vom Hamburg Pride e.V. und CSD Deutschland e.V. sowie Mitbegründer der Initiative EHE FÜR ALLE

PRIDE-Woche in Berlin: Eine Woche im Zeichen des Regenbogens, sprich der Liebe, der Freiheit, des Respekts, des Friedens und der Vielfalt. Der Regenbogen als Zeichen der LGBTIQ* Bewegung.

PRIDE heißt im deutschsprachigen Raum CSD, kurz für Christopher Street Day. Denn dort hat alles vor genau 50 Jahren begonnen. In der Szene-Bar “Stonewall Inn” in der Christopher Street in New York lehnten sich tagelang Vertreter*innen der LGBTIQ* Community gegen polizeiliche Willkür auf und setzen somit ein eindeutiges Zeichen, das bis heute noch weltweit von wichtiger Bedeutung ist und vielen Mut macht, die in Regionen und Ländern wohnen, in denen es nicht akzeptiert wird – oder gar strafbar ist – lesbisch, schwul, bi, trans* und inter zu sein bzw. seine geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung auszuleben. 

Weltweit wird also demonstriert. Bunt und laut: Denn darum geht’s. Das Leben ist nicht schwarz und weiß – und die Liebe schon gar nicht. Neben Berlin gehen noch in fast 60 weiteren deutschen Städten Menschen für Vielfalt auf die Straße und bekennen Farbe. Darunter auch NGOs, Parteien und Unternehmen. Doch wie viel Regenbogen kauft man diesen Firmen eigentlich ab? 

Ich habe mit Marc-Pierre Hoeft, Unit Director bei PIABO und ehem. Vorstandsmitglied verschiedener PRIDE-Organisationen gesprochen und ihn gefragt, was für ihn und sein Team bei der Konzeption von PRIDE-Kampagnen wichtig ist. 

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Lieber Marc-Pierre, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit genommen hast, mit uns über den Werbe-Hype “PRIDE” zu diskutieren. Betreut PIABO auch PRIDE-Kampagnen?
Ich freue mich sehr, dass wir auch in diesem Jahr wieder PRIDE-Kampagnen umsetzen. Bereits im zweiten Jahr in Folge unterstützen wir Tinder bei einer LGBTIQ* Aktion im PRIDE Monat und erstmalig unterstützen wir dieses Jahr auch den Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V., der gemeinsam mit Unilever und der Marke AXE eine Influencer-Kampagne initiiert hat. 

Was war auch bei der Konzeption der Kampagnen besonders wichtig?
In erster Linie stellen wir uns die Frage: An wen richtet sich die Kampagne und warum? Gerade im Kontext PRIDE muss es um die Sache gehen, nicht um Absatz und Image. Denn sonst gerät man schnell in den Verdacht des Pink-Washings. Ein gelungenes Beispiel für eine Kampagne im PRIDE-Umfeld: Tinder ist sich seiner Verantwortung gegenüber seiner User*innen bewusst und möchte in der PRIDE-Saison DANKE sagen. Im letzten Jahr konnten wir so eine Aktion umsetzen, die sich explizit an die LGBTIQ* Community richtete – den Tinder Talk. Doch bleiben wir im Jahr 2019. Wir haben jüngst eine Umfrage gestartet, denn wir wollten anlässlich des CSD Jubiläums möglichst viele Menschen über die Geschichte des PRIDE aufklären. Statt Paragraphen und Gesetzesentwürfe haben wir uns andere – für Tinder authentische Fakten – angeschaut: Welche Veränderung im Dating-Verhalten gab es in den letzten 50 Jahren und was lässt sich als Indiz für die Rechte der Community ableiten? Oder hättest du gedacht, dass teils bis in die 90er Jahre Lesben- und Schwulen-Bars keine Fenster hatten? Das wussten laut Umfrage drei Viertel (76 Prozent) der Befragten. Im Dunkeln ist gut Munkeln mag man jetzt denken. Aber wir erzählen auch die Geschichte dahinter: Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren waren schlichtweg strafbar – deswegen datete man eben lieber unbeobachtet.

Entstanden viele Ideen auch aus einer persönlichen Motivation heraus?
Das möchte ich nicht beschreiten. In meiner Funktion als Pressesprecher des CSD Deutschland e.V. habe ich die Initiative EHE FÜR ALLE mitgegründet. Harte Arbeit zahlt sich aus – gemeinsam mit vielen weiteren Akteur*innen in Deutschland hat unsere damalige Kampagne sicherlich mit zum Erfolg beigetragen: Die Ehe wurde für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet und ist somit nun auch durch die Verfassung geschützt. Mit-Initiator ist das Aktionsbündnis gegen Homophobie, die wir dieses Jahr als PIABO professionell unterstützen dürfen: Gemeinsam mit AXE sollen Projekte in Jugend- und Bildungseinrichtungen sichtbar gemacht und prämiert werden, die Diversität in den Mittelpunkt stellen. Das ist nicht selbstverständlich. Auch der professionelle Support einer NGO nicht, denn hier arbeiten häufig viele Ehrenamtliche ohne jegliche Mittel. Sicherlich ist dies heute noch eine Motivation für mich, diese wichtigen Projekte zu unterstützen. 

Welche Komponenten bringen solche Kampagnen zum Erfolg? Muss jede Kampagne in Regenbogenfarben schillern?
Marke und Kampagne müssen authentisch sein. Ob “Fridays for Future” oder “PRIDE” – es wird deutschlich: Viele Menschen fordern Commitment. Auch von Marken. Etwas Mut gehört dann eben manchmal dazu, aber Mut wird ja bekanntlich auch belohnt. Und sei es nur, eine einzige Person mit einer Botschaft erreicht zu haben oder zu unterstützen. Denn: Es geht ja um die Sache. Doch je mehr Personen wir erreichen, um so erfolgreicher fühlen wir uns natürlich. Wir machen ja schließlich PR – und in den PRIDE-Monaten auch manchmal etwas bunter. 

Welche falschen Vorstellungen über PRIDE und LGBTIQ+ sind dir in deinen Ehrenämtern vor allem entgegengebracht worden?
Ich war immer wieder darüber erstaunt, was Menschen – auch Freunde von mir – nicht wussten. “Homo-Ehe? Die gibt’s doch schon!” oder auch “Was? Schwule dürfen kein Blut spenden?” Beides war vor noch wenigen Jahren Realität in Deutschland und nur wenigen war es bewusst. Ich war Mensch zweiter Klasse – und das wollte ich nicht akzeptieren. Nicht im Jahre 2019 – nicht in Deutschland – und eigentlich überhaupt nicht und für niemanden. Doch auch heute ist immer noch nicht alles gut und ich glaube, wir können mit unserer Arbeit aufklären, Mut spenden und so manche Bubble durchbrechen. 

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

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PIABO PR GmbH
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